40 Jahre und kein bisschen weise?
Am 26. April jährte sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Zeit darüber nachzudenken, welche Schlüsse wir daraus gezogen haben und zukünftig noch ziehen sollten. In diesem Zusammenhang stellen sich eine ganze Reihe interessanter Fragen:
– welche Gefahren gibt es?
– sind diese beherrschbar?
– ist das Chance/Risikoverhältnis vernünftig ?
– wie sieht es mit den Kosten aus?
– welche technischen Weiterentwicklungen gibt es?
Die Älteren werden sich erinnern: in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre startete die damalige Bundesregierung eine massive Werbekampagne für die Kernenergie. Das Bundesministerium für Forschung und Technologie legte im Rahmen des Bürgerdialogs Kernenergie sogar ausführliche kostenlose Bücher für jedermann auf. Natürlich waren auch mögliche Gefahren ein Thema. Diese wurden aber heruntergespielt und Zahlen wie ein Unfall in 10.000 Jahren machten die Runde. Was geschah in den folgenden Jahrzehnten?
Bereits am 28. März 1979 ereignete sich im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg (Pennsylvania)1) 2) eine partielle Kernschmelze, die als schwerster Unfall in der zivilen Kernenergienutzung der USA gilt. Ein hängengebliebenes Ventil führte zu Kühlmittelverlust, während Bedienfehler das Ausmaß verschlimmerten. Radioaktive Gase traten aus und etwa 140.000 Menschen flohen zeitweise. Der GAU (größter anzunehmender Unfall) blieb nur deshalb einigermaßen beherrschbar, weil der Sicherheitsbehälter intakt blieb. Der Unfall beendete den Neubau von Atomkraftwerken in den USA für Jahrzehnte. Die Beseitigung der Schäden dauerte über 10 Jahre und kostete rund eine Milliarde US-Dollar. Der Reaktor wurde nie wieder in Betrieb genommen.
Sieben Jahre später kam dann Tschernobyl:
In der Nacht zum 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl (Ukraine) der weltweit erste Super-GAU3). Ein missglückter Sicherheitstest zur Notstromversorgung führte zu einer unkontrollierbaren Leistungssteigerung und zu zwei Explosionen, die den Reaktorkern und den gesamten Bau vollkommen zerstörten. Das Graphit im Reaktor entzündete sich und brannte mehrere Tage lang mit über tausend Grad. Die heißen Verbrennungsgase trugen radioaktive Partikel kilometerhoch in die Atmosphäre. Etwa acht Tonnen Staub aus Jod-, Cäsium- und anderen radioaktiven Isotopen wurden über Europa verteilt. Ursachen waren bauliche Mängel und spezielle Eigenheiten des RBMK-Reaktors4), eklatante Sicherheitsverstöße und menschliches Versagen. Das IAEA (Internationale Atomenergieorganisation) schätzte im Jahr 2005 die Gesamtzahl der Todesopfer auf etwa 4.000 (Spätfolgen noch nicht berücksichtigt). Nachdem der erste Bericht der sowjetischen Behörden von Verschleierungen und der alleinigen Beschuldigung der am Test Beteiligten geprägt war, sorgte erst der Steinberg-Report Jahre später für die Klärung der wahren Ursachen. Als eine der Hauptursachen legte Steinberg die konstruktiven Mängel des RBMK-Reaktors offen.
Schließlich der bisher letzte Supergau in Fukushima6) am 11. März 2011:
Um 14:46 Uhr Ortszeit ereignete sich ein Seebeben, das einen Tsunami auslöste. Die hohen Wellen beschädigten auch das an der Küste errichtete Kernkraftwerk und es entstanden Schäden gleichzeitig in vier von sechs Reaktorblöcken. Dabei kam es in Block 1, 2 und 3 zu Kernschmelzen. In deren Folge wurden große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt. Sie entsprachen rund einem Fünftel der radioaktiven Emissionen der Tschernobyl-Katastrophe und kontaminierten hier neben Luft und Böden auch das Meer, weil zur Kühlung der geschmolzenen Reaktorkerne riesige Mengen Wasser benötigt wurden. Bis zu 150.000 Einwohner mussten das Gebiet vorübergehend oder dauerhaft verlassen. Es starben je nach Schätzung zwischen mehreren Hundert und über Tausend Menschen,
Ein Unfall alle 10.000 Jahre: das waren also 10.000 Jahre zwischen 1979 und 1986 und weitere 10.000 Jahre zwischen 1986 und 2011. So mancher von uns ist also über 20.000 Jahre alt. Woran liegt diese krasse Fehleinschätzung der Gefahren? Als Ausrede uneinsichtiger Politiker hören wir regelmäßig: bei uns kann das nicht passieren. Unsere Kernkraftwerke sind sicher. So hätten sich früher sicher auch Amerikaner, Russen und Japaner geäußert. In Fehlerrechnungen kann man aber immer nur Dinge einbeziehen, die man kennt und quantifizieren kann. Die Unfälle verdeutlichten aber gravierende Mängel in der Sicherheitskultur und den menschlichen Faktoren beim Betrieb von Kernreaktoren. Außerdem wurde sicher nicht mit dem positiven Void-Effekt (Dampfblasenkoeffizient6)) bei einer Leistungsreduzierung in RBMK-Reaktoren oder Tsunamiwellen in diesem Ausmaß gerechnet. Ein Chance/Risikoverhältnis ist demnach nie vernünftig und vollständig abschätzbar.
Selbst wenn man alle fachlichen Unwägbarkeiten großspurig außer Acht lässt: was würde uns der Wiedereinstieg in die Kernenergie kosten? Die Kosten setzen sich aus dem Bau, dem Unterhalt und dem oft vernachlässigten Umgang mit den Hinterlassenschaften zusammen. Das Fraunhofer-Institut berechnete 2024 die Stromgestehungskosten für unterschiedliche Energieträger und ermittelte dabei für die Kilowattstunde bis zu 49 Cent, den höchsten Wert unter allen Energieträgern. Der ehemalige AKW-Betreiber hat alle Argumente zusammengetragen7). Demnach sind in diesen Zahlen, die gesamtgesellschaftlichen Folgekosten der Kernkraft wie staatliche Förderungen, Klima- und Umweltschäden sowie vor allem die Entsorgung und Endlagerung noch nicht beziffert und berücksichtigt. Besonders die finanziellen Aufwände für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle treiben die Kosten zusätzlich in die Höhe. Besonders peinlich für die lautesten Befürworter des Wiedereinstiegs: nach dem Sankt-Florians-Prinzip schiebt man das Endlagerproblem weit von sich.
Gerne wird auch auf technische Weiterentwicklungen verwiesen. Das dauert Jahre, verschlingt enorme Summen und bietet keinerlei kurzfristige Lösung. Auch kleinere und modular konzipierte Kernkraftwerke (SMRs, Small Modular Reactors) sind immer wieder Teil der Diskussion. Doch ist die Technologie weder neu noch energiewirtschaftlich attraktiv. Trotz jahrzehntelanger Forschung befinden sich die SMRs weiterhin im Entwicklungsstadium. Weltweit sind nur wenige Reaktoren im Betrieb. Bauzeiten und Kosten8) sind kaum besser als bei größeren Kernkraftwerken Warum auch? Die grundlegenden Herausforderungen bleiben bestehen. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass aus diesen Gründen selbst im optimistischsten Szenario SMRs bis 2050 nur etwa zwei Prozent zur globalen Stromerzeugung beitragen könnten.
Zukünftig wollen es Forscher wie die Sonne machen und Energie durch Kernfusion erzeugen. Dazu sind aber Temperaturen von 100 Millionen Grad nötig. Weder diese Temperatur noch das dazu nötige Umfeld sind derzeit in Reichweite. Das Jahr 2050 geistert durch die Szene, ist aber wohl eher als Wunschtraum zu betrachten9). Selbst wenn eines Tages tatsächlich auf diese Art Energie gewonnen werden könnte, dann ist es für unsere heutigen Probleme viel zu spät. Der Klimawandel hat unseren Planeten vorher unwiederbringlich zerstört und ein neues technisches Problem scheint schon wieder total unter den Tisch zu fallen: die Materialermüdung unter dem Einfluss von Plasma, Temperatur und Neutronenstrahlung (Versprödung, Schwellen, Erosion und Rissbildung). Experten sprechen von einer Lebensdauer der Reaktorwand von unter einem Jahr!10)
Alles bisher Beschriebene hält Politiker nicht davon ab, unglaublichen Unsinn zu fordern. Warum ist das so? Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass es offensichtlich sehr leicht ist, Leute mit vordergründig einfachen Lösungen an der Nase herumzuführen. Wissenschaft ist vor allem für rechte und konservative Politiker einfach zu kompliziert. Spätestens seit Corona sind wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr Grundlage des Diskurses, wenn es andere Mittel gibt, den persönlichen Erfolg und die Wiederwahl sicher zu stellen. Sicherheitspolitische Bedenken sind dabei noch gar nicht berücksichtigt (Drohnenangriffe, Uranlieferungen).
Autor: Rudolf Prott
Quellen / Hintergrundinformationen:
1) der Atomunfall von Harrisburg
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/288267/vor-40-jahren-der-atomunfall-von-harrisburg/
2) https://de.wikipedia.org/wiki/Reaktorunfall_im_Kernkraftwerk_Three_Mile_Island
3) die Katastrophe von Tschernobyl
https://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Tschernobyl
4) Beschreibung des Reaktortyps in Tschernobyl
https://de.wikipedia.org/wiki/RBMK
5) Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit von RBMK Reaktoren
im Anhang der IAEA-Publikation
https://www-pub.iaea.org/MTCD/Publications/PDF/Pub913e_web.pdf
6) darum kann es bei RBMK-Reaktoren zu einer unerwarteten Kettenreaktion kommen
https://www.chemie.de/lexikon/Dampfblasenkoeffizient.html#:~:text=Ein%20positiver%20Dampfblasenkoeffizient%20bedeutet%2C%20dass%20sich%20die,Hohlr%C3%A4ume%20durch%20den%20Verlust%20von%20K%C3%BChlmittel%20entstehen.
7) Darum ist sogar die Industrie gegen den Wiedereinstieg in die Kernkraftnutzung
https://www.enbw.com/unternehmen/themen/klimaschutz/kernkraft-kosten.html
8) Studie zu Small Modular Reaktoren
https://www.diw.de/de/diw_01.c.867887.de/publikationen/wochenberichte/2023_10_1/ausbau_von_kernkraftwerken_entbehrt_technischer_und_oekonomischer_grundlagen.html#section4
9) Warum die Kernfusion unser Energieproblem noch nicht löst
https://www.mdr.de/wissen/naturwissenschaften-technik/kernfusion-fusionskraftwerk-bundestagswahl-energiewende-100.html
10) Herausforderungen von Plasmamaterial-Interaktionen
https://www.sciencedirect.com/science/chapter/edited-volume/abs/pii/B9780443136290000186







