Das Auf und Ab bei der Kohlenutzung am Beispiel von Großbritannien und China
Großbritannien gilt als Mutterland der industriellen Revolution. Der wachsende Einsatz von Dampfmaschinen sorgte für einen immensen Bedarf am Brennstoff Kohle, der über lange Jahre immer weiter stieg. Auch die Eisen- und Stahlproduktion und das neue Transportmittel Eisenbahn waren zentrale Faktoren für die Entwicklung der Kohleförderung. Der inländische Verbrauch stieg auf 221 Millionen Tonnen im Jahr 1956 1). Nach einem kontinuierlichen Rückgang seit 1963 war die britische Kohlenachfrage 2024 schließlich auf 2,1 Millionen Tonnen gesunken, noch einmal eine Reduzierung um 54% gegenüber 2023. Das ist die geringste Menge seit 1666, als die britische Hauptstadt im „Großen Brand von London“ in beträchtlichen Teilen zerstört wurde. Etwa ein Drittel des Rückgangs der Kohlenutzung insgesamt im vergangenen Jahr war auf die Schließung des letzten Kohlekraftwerks in Großbritannien in Ratcliffe-on-Soar in Nottinghamshire zurückzuführen. Großbritannien wurde damit das erste G7-Land, das aus der Kohleverstromung ausstieg. Im Jahr 2024 stammten jedoch zwei Drittel des Rückgangs des britischen Kohleverbrauchs – und ein Drittel des Rückgangs der Emissionen insgesamt – aus der geringeren Kohlenutzung durch die Schwerindustrie. Dies war vor allem auf eine geringere Stahlproduktion zurückzuführen, die von 5,6 Mio. im Jahr 2023 auf 4,0 Mio. Tonnen im Jahr 2024 sank, was einer Reduzierung um 29% entspricht.
Die Treibhausgasemissionen des Vereinigten Königreichs sanken 2024 nach einer Analyse von Carbon Brief 4) um 14 MtCO2e (Millionen Tonnen Kohlendioxidäquivalent). Das entspricht einer Reduktion um 3,6%. Große Beiträge kamen neben der Schließung des letzten Kohlekraftwerks aus der Abschaltung eines der letzten Hochöfen im Stahlwerk Port Talbot in Wales. Öfen bei Scunthorpe unterbrachen den Betrieb. Beide Standorte sollen in Elektroöfen umgewandelt werden, die nicht auf Kohle angewiesen sind. Andere Faktoren sind ein Anstieg der Anzahl von Elektrofahrzeugen um fast 40 % und überdurchschnittliche Temperaturen.
Die Analyse von Carbon Brief, die auf vorläufigen Energiedaten der Regierung basiert, zeigt, dass die Emissionen 2024 auf 371 MtCO2e gesunken sind, den niedrigsten Stand seit 1872. Die Emissionen des Vereinigten Königreichs liegen jetzt 54% unter dem Niveau von 1990, während das Bruttoinlandsprodukt um 84% gestiegen ist.
Die Emissionen müssten allerdings jedes Jahr um einen größeren Betrag sinken als 2024, um das internationale Klimaziel für 2035 sowie das nationale Ziel (bis 2050 Netto-Null CO2-Emissionen) zu erreichen. So müssten die Emissionen jedes Jahr um 20MtCO2e sinken, um das Ziel von 2035 zu erreichen, und um durchschnittlich 15 Millionen Tonnen pro Jahr, um die Netto-Null-Emissionen bis 2050 zu erreichen.
Mit anderen Worten, die jährlichen Emissionssenkungen müssten sich kurz- bis mittelfristig beschleunigen.
Chinas geschätzter Kohleverbrauch betrug 2024 4.939 Millionen Tonnen 5) und damit über 56% des weltweiten Verbrauchs: wieder einmal ein neuer Rekord und das obwohl das Land Wind- und Solaranlagen in großem Stil installiert und auch den Bau von Atomkraftwerken vorantreibt. Die Kohleproduktion wird 2025 voraussichtlich um weitere 1,5 % steigen, was einem neunten jährlichen Anstieg in Folge entspricht. Die steigende Nachfrage nach Strom fordert ihren Preis.
China beherbergt die Hälfte der weltweiten Kohlekraftwerke und verfügt über die weltweit größte Kapazität für erneuerbare Energien und Wasserkraft sowie die zweitgrößte für Kernenergie. Hier untergräbt der Anstieg beim Bau neuer Kohlekraftwerke den Fortschritt bei den sauberen Energieformen des Landes, heißt es in einem neuen gemeinsamen Bericht des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) und des Global Energy Monitors (GEM).
Das Land begann mit dem Bau von 94,5 Gigawatt (GW) neuer Kohlekraftkapazität und nahm 2024 3,3 GW ausgesetzte Projekte wieder auf, das höchste Bauniveau in den letzten 10 Jahren, so die beiden Thinktanks. Das entspricht einem Zubau von über 8%. Der beschleunigte Ausbau, der durch Investitionen aus dem Kohlebergbausektor angeheizt wird, lässt an Chinas Fähigkeit zweifeln, sich von den fossilen Brennstoffen zu entfernen, warnt der Bericht.
Analysten erwarten, dass Chinas enorme Zuwächse an sauberer Energie den Anteil der Kohle an der Stromerzeugung langsam drücken werden, während China auf seine „Dual-Carbon“-Ziele hinarbeitet, vor 2030 die Spitzenbelastung an CO2-Emissionen zu erreichen und die CO2-Neutralität bis 2060 zu bewältigen (Staatschef Xi Jinping im Jahr 2021). Wie die Dinge stehen, stellt die schnelle Kohlestromexpansion eine Herausforderung für Chinas hohe Klimaverpflichtungen dar, einschließlich der Reduzierung des Kohleverbrauchs. CREA und GEM argumentieren, dass dies ein Zeichen für die weitere Dynamik bei der Entwicklung neuer Kohleprojekte ist, trotz der Zusagen der Regierung, die Verwendung des fossilen Brennstoffs streng zu kontrollieren. Eine Energiekrise im Jahr 2021 veranlasste die Staatsführung zur Priorisierung der Energiesicherheit über die Klimaziele. Diese beträchtliche Menge an neuen Kapazitäten, die in den nächsten Jahren ans Netz gehen wird, signalisiert die Festigung des Platzes der Kohle als Hauptstromquelle.
China installierte im Jahr 2024 Rekordmengen an erneuerbarer Energiekapazität, wodurch die Gesamtkapazität für Solar- und Wind bis zu 890 GW bzw. 520 GW beträgt. Die Kohlekapazität betrug 2024 1.200 GW.
Es besteht die Gefahr, dass erneuerbare Energien als zusätzliche Energiequelle statt als Kohleersatz behandelt werden. Das liegt zum Teil an Politikstrukturen, die die Nutzung von Kohlestrom priorisieren und die Interessen der Branche schützen. Die meisten Stromnetze sperren Konkurrenz des Kohlestroms durch Mechanismen wie langfristige Preisvorgaben und langfristige Lieferverträge aus. Das verpflichtet die Provinzen eine bestimmte Menge Kohle zu verwenden, auch wenn andere Stromquellen kostengünstiger sind. Die Provinzregierungen vermeiden auch Stromabnahmeverträge mit einem Mindestanteil von Solar- und Windenergie, was zu einem ungleichen Wettbewerb führt. Kohlestrom bleibt damit weiterhin von jedem Risiko verschont, während Wind- und Solarentwickler mit Preisschwankungen und unsicherer Nachfrage konfrontiert sind. Der Bau neuer Kohlekraftwerke wird den Spielraum für erneuerbare Energien weiterhin einschränken, was es für Solar- und Windkraftanlagen schwieriger macht, bedeutende Marktanteile zu gewinnen.
Nach Berechnungen des Berichts brachte das letzte Quartal von 2024 darum wahrscheinlich eine Kürzungsrate von etwa 5,5% statt der offiziell gemeldeten 3,2 %. Der Bericht führt dies auf „strukturelle Zwänge“ und nicht auf wetterbedingte Verfügbarkeit von Solar- und Windressourcen zurück.
Prognosen der Kohleindustrie signalisieren, dass der Kohlestromsektor weiter wächst, was zu zunehmenden Konflikten zwischen Chinas Energiesicherheit und der Politik der Kohlenstoffreduktion führt. Der Bericht deutet darauf hin, dass im Jahr 2025 eine energische politische Steuerung erforderlich wäre, um der Dominanz der Kohle im Energiesystem entgegenzuwirken.
Der Unterschied in der Entwicklung der Kohlenutzung liegt nicht in erster Linie an den Unterschieden in den Bemühungen zum Klimaschutz. Vielmehr scheint der aktuelle Stand der Industrieentwicklung die entscheidende Rolle zu spielen. Während in Großbritannien eine deutliche Tendenz zur Deindustrialisierung und eine Überbetonung des Finanzsektors in der Londoner City festzustellen ist, hält in China die beachtliche Entwicklung der erneuerbaren Energien dem rasanten Anstieg der industriellen Produktion nicht annähernd stand. Es klingt fast absurd: während der Anteil der Kohle am chinesischen Energiemix von 77% auf den Höhepunkt vor vier Jahrzehnten auf heute 56% zurückging, stieg der Kohleverbrauch im gleichen Zeitraum um 650% ! Die Bemühungen, die Welt mit Exporten zu Dumpingpreisen zu überschwemmen, geht auf Kosten der nationalen Klimabilanz.
Der Rückgang der oben beschriebenen Stahlproduktion in Großbritannien um 1,6 Millionen Tonnen wurde hauptsächlich durch einen Anstieg der Importe um 1,3 Millionen Tonnen ausgeglichen, was nur zu einer Verlagerung des Kohleverbrauchs nach China führte. Wir kommen also nicht darum herum, global zu denken. Dazu sind aber auch gemeinsame Bemühungen nötig. Die Eroberung von Marktanteilen um jeden (klimaschädlichen) Preis ist dabei alles andere als hilfreich. Wenn China heute täglich 6,4 mal so viel Kohle verbrennt wie Großbritannien im ganzen Jahr, dann ist die Suche nach dem richtigen Ansatzpunkt nicht schwer.
Autor: Rudolf Prott
Quellen:
1) Regierungsdaten zu Kohleförderung und Verbrauch
https://www.gov.uk/government/statistical-data-sets/historical-coal-data-coal-production-availability-and-consumption
2) Statistik der Kohlenwirtschaft e.V.
https://kohlenstatistik.de/wp-content/uploads/2024/09/KJ-24.pdf
3) Daten des Bundesamtes für Statistik
https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Energie/Verwendung/Tabellen/einfuhr-steinkohle-zeitreihe.html
4) Carbon Brief (auf deutsch etwa: Kohlenstoffunterlagen) ist eine Website mit Sitz in Großbritannien, die sich auf die Wissenschaft und Politik des Klimawandels spezialisiert hat. Sie wird von der European Climate Foundation finanziert und hat ihr Büro in London.
Die Klima- und Energiekompetenz von Carbon Brief wird oft von Nachrichtenagenturen und klimabezogenen Websites zitiert.
Die Royal Statistical Society verlieh Carbon Brief 2018 einen hochgelobten Preis für investigativen Journalismus und 2020 in der Kategorie Datenvisualisierung. 2017 gewann Carbon Brief den Drum Online Media Award für „Best Specialist Site for Journalism“.
Leo Hickman, der Herausgeber von Carbon Brief, wurde von der Association of British Science Writers zum Herausgeber des Jahres 2020 ernannt.
https://interactive.carbonbrief.org/the-carbon-brief-profile-china/index.html
5) Coal2024 Report der IEA (International Energy Agency)
https://iea.blob.core.windows.net/assets/a1ee7b75-d555-49b6-b580-17d64ccc8365/Coal2024.pdf







