Wo beginnt Verantwortung und endet sie?
Nach einer Datenanalyse von InfluenceMap 1), einer gemeinnützigen Community Interest Company (CIC) mit Sitz in Großbritannien, sind 36 Unternehmen für die Hälfte der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. InfluenceMap startete seine Plattform für Klima-Lobbying am Vorabend des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 als Reaktion auf die wachsende Nachfrage von Investoren und anderen Interessengruppen. Es wird ein objektiver und datengesteuerter Ansatz zur Identifizierung systemischer Blockaden zum Klimafortschritt verfolgt. In ihrer Datenbank Carbon Majors 2) hat die Organisation mit großer Akribie aus vielen Quellen eine unglaubliche Datenmenge bis zurück ins Jahr 1854 zusammengetragen. Die besagte Meldung wurde von vielen internationalen Medien (Spiegel 3), The Guardian, The Financial Times, El Pais u.a.) übernommen. Überraschenderweise hat sich niemand die Frage gestellt, wie plausibel diese Aussage ist. Selbst unter der Annahme, dass zwei bis drei Milliarden Menschen nahezu keinen Einfluss auf die CO2-Emissionen haben, scheinen die anderen sechs Milliarden Menschen mutmaßlich nicht genügend berücksichtigt worden zu sein. Ein genaueres Studium der Analyse zeigt, warum hier Erklärungsbedarf besteht.
Die Gesamtemissionsdaten von Carbon Majors umfassen für die fossile Brennstoff-Industrie:
Umfang 1 Emissionen:
– Förder- und Verarbeitungsschritte für die Kohle-, Öl- und Gasförderung einschließlich CO2-Emissionen durch das Abfackeln bei Öl- und Gasanlagen
– Entgasung von CO2 aus Erdgas- und Ölverarbeitungsanlagen
– flüchtige Methanemissionen aus Kohlebergwerken, Öl- und Gasförderung und Speicherung sowie aus Produktions-, Verarbeitungs- und Transportsystemen
Umfang 3 Emissionen:
– CO2-Emissionen, die sich aus der Verwendung von eigenen Brennstoffen durch das Unternehmen ergeben
– Emissionen aus der Verbrennung von vermarkteten Produkten.
Nach allgemeinem Verständnis war der letzte mengenmäßig umfangreichste Punkt in der Energiebranche nicht zu erwarten. Die Datenbank beinhaltet zwar auch emissionsstarke Zementhersteller, aber der strittige Punkt betrifft diese Sparte nicht, weil die meisten Emissionen hier eindeutig auf der Produzentenseite anfallen.
Da man Emissionen nicht doppelt zählen kann, heißt das, dass der reale Nutzer/Verbrenner nicht für die entstehenden Emissionen verantwortlich zu sein scheint. Wenn das ein Klimawandelleugner hört, wird er antworten: „Ich tue ja dann nichts Falsches. Verantwortlich sind andere.“
Auf diesen Widerspruch angesprochen antwortete uns InfluenceMap wie folgt:
„ … Die Einbeziehung von Umfang 3-Emissionen (der besagte strittige Punkt) ist unerlässlich, da es die vollen Klimaauswirkungen der fossilen Brennstoffproduzenten widerspiegelt. Während es stimmt, dass Endverbraucher den Kraftstoff physisch verbrennen, konzentriert sich Carbon Majors auf die Verantwortung der Produzenten, weil diese Unternehmen sich aktiv dafür entscheiden, fossile Brennstoffe zu extrahieren und zu verkaufen, während sie sich ihrer Klimaauswirkungen voll bewusst sind. Dieser Ansatz ist der Schlüssel, um die Verantwortung auf die Unternehmen zu übertragen, die von der Förderung fossiler Brennstoffe profitieren, und nicht nur einzelnen Verbrauchern, die aufgrund von Energiesystemen, die immer noch von fossilen Brennstoffen dominiert werden, oft über begrenzte Alternativen verfügen.
Zu Ihrer Sorge um die Leugner des Klimawandels: Die Zuordnung von Emissionen auf Erzeugerebene entbindet die Verbraucher nicht von der Verantwortung, aber sie stellt klar, dass effektive Klimaschutzmaßnahmen sowohl der Produktion als auch dem Verbrauch begegnen müssen. Wenn wir nur Umfang 1-Emissionen betrachten würden, würden wir die überwiegende Mehrheit der Emissionen ignorieren, die an fossile Brennstoffe gebunden sind.
Darüber hinaus zeigt InfluenceMaps Forschung zum politischen Engagement eine klare Verbindung zwischen diesen hoch emittierenden Unternehmen und einigen der weltweit oppositionellen Positionen zur kritischen Klimaregulierung, also der Politik, die notwendig ist, um die Realwirtschaft in einen kohlenstoffarmen Wandel zu lenken.
Die Carbon Majors-Datenbank ist in dieser Hinsicht kritisch, da sie die einzige Datenbank bleibt, die Umfang 3-Emissionen auf fossile Brennstoffproduzenten zurückführt. Während es letztlich an Gerichten, Regierungen und politischen Entscheidungsträgern liegt, Rechenschaftspflicht zu bestimmen, ist die Datenbank ein entscheidendes Instrument, um Emissionen ihren Quellen zuzurechnen und die Klimaschutzorganisationen zu informieren. …“
So ist es nicht verwunderlich, dass Carbon Majors 33,9 GtCO2e (Gigatonnen CO2-Äquivalent) von Emissionen auf die 169 aktiven Wirtschaftsorganisationen im Jahr 2023 zurückführt, ein Anstieg von 0,7 % gegenüber 2022. Bei den Zementherstellern war es sogar eine Steigerung von 6,5 %. Die CO2-Emissionen in der Datenbank machten 78,4 % der globalen fossilen Brennstoffe und der Zement-CO2-Emissionen im Jahr 2023 aus, wobei unter der beschriebenen Prämisse von InfluenceMap tatsächlich nur 36 Unternehmen für mehr als die Hälfte dieser globalen Emissionen verantwortlich sind. Während die Staaten sich danach strecken müssen ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen zu erfüllen, dominieren staatliche Unternehmen (25 der 36 Top-Gelisteten) die globalen Emissionen und ignorieren die verzweifelten Bedürfnisse ihrer Bürger. Die Wissenschaft ist klar: Wir können nicht zu mehr fossilen Brennstoffen und zu mehr Förderung zurückkehren, wie es z.B. vom amerikanischen Präsidenten vertreten wird („drill baby drill“). Stattdessen müssen wir zu den vielen Möglichkeiten eines dekarbonisierten Wirtschaftssystems vorankommen, die für die Menschen und den Planeten nötig sind.
Die Carbon Majors-Daten wurden immerhin schon als Beweise bezüglich einer gesetzlichen Entschädigungspflicht wegen Klimaschäden in den Bundesstaaten New York und Vermont verwendet. Die Daten wurden auch als Unterstützung für mögliche Strafanzeigen gegen Führungskräfte von fossilen Brennstoff-Unternehmen zitiert und in regulatorischen Maßnahmen erwähnt, wie die Beschwerde von ClientEarth gegen BlackRock wegen Irreführung von Investoren. Der Inhalt der Datenbank ist zu einem Mainstream-Investoreninstrument bei der Bewertung und Zusammenarbeit mit Unternehmen geworden und wurde in sehr vielen Medienartikeln weltweit zitiert. Es fließt in zahlreiche NGO-Kampagnen ein und hilft dem Unternehmenssektor, sich stärker in der Klimapolitik zu engagieren.
Was die Eingangsfrage betrifft: es gibt letztlich drei Verantwortliche. Den Verbraucher bei den Emissionen von der Verantwortung moralisch zu befreien macht nur dann Sinn, wenn weder eine sinnvolle und bezahlbare alternative Energieform existiert noch Einsparungen praktikabel sind. Teilweise versuchen die als größte Emittenten identifizierten Unternehmen in CO2-neutrale Sparten zu diversifizieren, aber gerade bei den marktbeherrschenden Staatsunternehmen ist das oft noch nicht der Fall. Der dritte Player in diesem Umfeld ist die Politik, die durch eine intelligente Kombination aus Restriktionen und Förderungen die nötige Grundlage für die Zukunft unseres Planeten schaffen muss. Auch hier ist man sich der Verantwortung in vielen Parteien noch nicht genügend bewusst. Die Bedeutung, die das Thema Klimawandel im letzten Wahlkampf hatte bzw. nicht hatte, lässt nichts Gutes vermuten. Der Wahlsieger musste im Rahmen der Grundgesetzänderung regelrecht dazu gezwungen werden, das Problem überhaupt zu adressieren.
Quellen:
1) https://influencemap.org/mission
die aktuellen Auswertungen:
https://www.influencemap.org/briefing/The-Carbon-Majors-Database-2023-Update-31397
2) https://carbonmajors.org/
Autor: Rudolf Prott







